Nachruf DI Michal Neudecker

Die meisten österreichischen Vereine haben einen Obmann bzw. eine Obfrau. Der UKK-Wien dagegen hatte einen „Präsidenten“, das war Michael Neudecker. (9. 12. 1930 - 24. 8. 2019)

Es war Mitte der fünfziger Jahre, da beschlossen er und ein paar Gesinnungsgenossen, einen Paddelverein
zu gründen. Man hatte schnell ein Grundstück gefunden, nämlich am Brigittenauer Sporn im Norden Wiens, in unmittelbarer Nachbarschaft zu Otto Wagners Nussdorfer Wehranlage am Beginn des Donaukanals – ein prominenter Ort in der nunmehrigen Tourismusmetropole Wien. Der studierte Architekt Michael Neudecker plante das Bootshaus auf dieser Halbinsel. Seine Fertigstellung 1956 war gleichsam
die Geburtsstunde des UKK-Wien. Der schlichte Bau mit den Bullaugenverglasungen und dem markanten roten 50er-Jahr-Schriftzug an der Vorderfront war radikal der Funktion verpflichtet.

Jeden Abend wurde dort trainiert, im Donaukanal vor der Haustür Slalom gefahren – die Nacht war dann dem Bootsbau gewidmet.  „Wohlfühlen“ im „Klub“ war nicht erwünscht, wie uns der Michl einmal beim Heurigen in launiger Stimmung versichert hat: Das Bootshaus war schlicht der Arbeit und Produktivität gewidmet. Ehefrauen wurden damals im „Klub“ kaum gesichtet, es gab ja keine Sitzgelegenheiten, keine Snacks, keine Musik … Einziger Luxus: eine Sauna.

Zu dieser Zeit war Michael Neudecker im internationalen Wildwasser-Wettkampf-Geschehen bereits eine schillernde Figur. Legendär seine Teilnahme am „International Arkansas River Boat Race“ in Colorado im Jahr 1964, mit 26 Meilen (ca. 42 km) das längste Wildwasserrennen der Welt. Noch spektakulärer die Anreise, der eine US-Tageszeitung gar einen halbseitigen Bericht („Austria Boater Known As Man With Boat Looking For A Boeing“)  inklusive Porträt-Foto des wirklich feschen Michl („fescher als James Bond“, wie wir eineinhalb Jahrzehnte später noch befanden) widmete: Für ihn, der sein eigenes Kanu mitnahm, kam als Transportmittel nur eine Boeing in Frage. – Drei Boeings brauchte es genau genommen, bis er sein Ziel erreicht hatte.

Ein Leben mit Volldampf, immer in der Innenkurve. – Wie damals üblich, nahmen der „Michl“ und seine Gefährtinnen und Gefährten am Wildwasser-Wettkampfgeschehen in mehreren Bootskategorien teil, u.a. auch im C2. So vertrat er, zusammen mit Karla Ehn, 1965 Österreich bei den Weltmeisterschaften auf der Lieser im C2-Mix, wo sie in der Mannschaft die Bronze-Medaille errangen.  Mit der Einführung der Ski-Boot-Kombination auf der Rax bzw. Schwarza wurde er zum Erfinder dieses sportlichen Genres und brachte damit seine Lieblings-Disziplinen in ein Wettkampf-Format. Über den Winter wurden dann auch noch Schi- und Langlauf-Rennen bestritten. – So gewann er u.a. die „Städteweltmeisterschaften“ im
alpinen Schilauf. Das Jahr endete meist mit riskanten nächtlichen Rodel-Partien, wo man sich hintennach auf die Suche nach den Teilnehmern machen musste...

Die UKK-„Klub“-Atmosphäre. – Als meine Schwester und ich Ende der 1970er Jahre den UKK-Wien kennen lernten, wehte dort ein anderer Geist. Der „Klub“ war ein begehrter Treffpunkt, und in den ersten Jahren unserer Mitgliedschaft benötigten wir keinen Schlüssel, weil immer jemand da war. Der „Präsident“ bzw. der „Michl“ war darin omnipräsent. Und mit ihm eine Form von Humor und Großzügigkeit, die legendär wurde. In einer Zeit, in der das Autoritätsgefälle innerhalb der Generationen noch empfindlich spürbar war, wurde im UKK-Wien die Ausnahme geprobt:
Dogmen, Ge- und Verbote oder gar Bevormundung waren dem „Präsidenten“ fremd – Jung und Alt kommunizierten auf Augenhöhe, jeder war willkommen und wurde gehört. Montag abends gab es bisweilen mahnende Kommentare zu den Wettkampf-Ergebnissen vom Wochenende, aber danach drehte der Wind wieder in Richtung „Volle Kraft voraus – aber bitte mit Humor“. Schmäh-befreite Menschen hatten es grundsätzlich schwer mit ihm. Michl, so schien’s, hatte eine ausgeprägte Aversion gegen jede Form von Normentreue und Konservativismus. Spießer und Prinzipienreiter waren willkommene Opfer für seinen manchmal recht spitzen Spott.
Und apropos Sauna: Das war, abgesehen von den Liegebetten, der einzige Ort im UKK mit Sitzgelegenheiten. Was also im Schweiße der Mittwochabend-Sauna angedacht wurde, kam zur Umsetzung. Dafür sorgten Michaels treue Gefährtinnen und Gefährten.

Als Anfang der 2000er Jahre plötzlich eine „echte“ Vereinssitzung anberaumt wurde, zeigten sich
Alt-Mitglieder überrascht bis entsetzt: „Unser Prinzip war doch immer, dass wir keine Regeln haben“,
war da zu hören. Schließlich hatten sie ja eine regelkonforme Umsetzung der Vereinsstatuten nie erlebt.

Aber es gab auch den „anderen“ Michael: den Ehemann und Familienvater von vier Kindern, mit denen er ausgedehnte Segel-Ausflüge auf der Adria unternahm, seine Aquarelle in seiner Wohnung im 6. Wiener Bezirk geben ein wunderschönes Zeugnis dieser maritimen Abenteuer. Und es gab jenen Michl, der in umfänglichen Gesprächen tiefschürfend die Entwicklungen in seinem beruflichen Genre, der Architektur, ausführte. Oder jenen, der sich als Liebhaber klassischer Bildung erwies: etwa als er einmal bei einem Abendessen begeistert Homer zitierte. Der „wilde“ Michl war ja ins sogenannte „Bildungsbürgertum“ hineingeboren worden: Neffe des prominenten Architekten Univ.-Prof. Otto Niedermoser, Michls Schwester Luzi gehörte dem Ensemble des Theaters in der Josefstadt an, sein Schwager Willi Hoczabek war Rektor der Universität Wien gewesen.

Als Michael Neudecker im Jahr 2004 einen Schlaganfall erlitt und von nun an, aufgrund von Lähmungen, an den Rollstuhl gefesselt war, erfuhr sein so bewegtes Leben einen Dämpfer und eine entscheidende Wende. Seine Frau Sissy – auch sie Architektin – führte das Architekturbüro seither alleine fort, ebenso wie die Agenden im UKK-Wien, und kümmerte sich mit Unterstützung von Pflegern liebevoll um ihn. Aufgrund einer Störung des Sprachzentrums kostete es ihn enorme Anstrengung, Wörter zu formulieren. Vieles blieb nun ungesagt, er konnte es nicht mehr erzählen. Dennoch blieb ihm seine Lebensfreude erhalten, auch nahm er am UKK-Geschehen, vor allem bei den von ihm initiierten „UKK-Meisterschaften“, als „Ehrenpräsident“ teil.

Am Samstag, dem 24.8.2019, ist Michael Neudecker für immer von uns gegangen. Er wird uns fehlen,
seine wunderbar-wilden Geschichten werden uns bleiben.

Eva und Lisi Mattes – für Sissy und Anneliese und den UKK-Wien in großer Dankbarkeit.